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Mittwoch, 11.09.2019

Integration und Inklusion – HSV Fortbildung und Trainingswochenende der besonderen Art

TN_Fobi_Bruhn. Foto: Gehrlein
TN_Fobi_Bruhn. Foto: Gehrlein

KBruhn u. Verantwortliche. Foto: Gehrlein
KBruhn u. Verantwortliche. Foto: Gehrlein

Neue Wege im Leistungssport zu beschreiten – das war ein Ziel der Fortbildung „Individualisierung im Leistungssport – Eine Chance für die Teilhabe aller?“ des Hessischen Schwimm-Verbandes am vergangenen Wochenende in der Landessportschule Hessen. Ein innovatives Projekt in Zusammenarbeit mit dem Perspektivteam des Hessischen Schwimm-Verbandes, Nachwuchssportlern vom Stützpunkt Frankfurt und Leistungssportlern des Hessischen Behinderten und Rehabilitations-Sportverband (HBRS).  

Für den Trainingslehrgang der besonderen Art hatte der Hessische Schwimm-Verband die sechsmalige Schwimmweltmeisterin und dreifache Paralympics-Siegerin Kirsten Bruhn als Referentin gewinnen können. Die Ausnahmeschwimmerin gehört zu den erfolgreichsten Sportlern Deutschlands und war schon als Kind Leistungsschwimmerin. Bei einem Motorradunfall auf der Urlaubsinsel Kos in Griechenland erlitt sie eine inkomplette Querschnittlähmung und bewegt sich seitdem im Rollstuhl. Die Idee zur Maßnahme entwickelte HSV Landestrainerin Shila Sheth. Seitens des Hessischen Schwimm-Verbandes war der HSV-Ehrenpräsident Dr. Werner Freitag von Anfang bis Ende anwesend. Darüber hinaus wurde die Veranstaltung zeitweise begleitet von der Fachwartin Leistungssport im HBRS Frau Marie-Luise Ganz.  

Um den Herausforderungen moderner und komplexer Wettkampfsysteme besser Rechnung tragen zu können, ist eine intensive Diskussion um die Individualisierung des Trainings im Spitzen- und auch Nachwuchsleistungssport erforderlich. Aus diesem Grund wurde der Lehrgang in Kombination einer Trainerfortbildung und eines Trainingswochenende hessischer Leistungssportler organisiert. Gleich zu Beginn der Veranstaltung nutzten die anwesenden 15 Trainerinnen und Trainer aus ganz Hessen die Gelegenheit, um Kirsten Bruhn und Shila Sheth während der Trainingsarbeit mit dem HSV Perspektivteam zu hospitieren. Durch die wiederkehrenden Wechsel am Beckenrand in den zwei Trainingsstunden bestand für die Teilnehmer die Möglichkeit entspannter Befragungen, was auch intensiv von diesen genutzt wurde. Aber auch für die Nachwuchssportler waren die reichhaltigen Erfahrungen aus dem Leben einer behinderten Sportlerin von Weltklasse natürlich ein herausragendes Ereignis und das Schwimmen unter einschränkenden Bedingungen ein ungewohntes und ermüdendes Erlebnis. „Jetzt schwimme mal wie Kirsten“, sagte die ehemalige Brustschwimmerin am Ende ihrer ersten Trainingseinheit mit dem HSV-Perspektivteam und so schwamm auch die WM-Finalteilnehmerin Anna Elend mit gekreuzten und angewinkelten Beinen ihre Spezialdisziplin Brust nur mit den Armen und mit wesentlich mehr „Tiefgang“ und Anstrengung als gewohnt.

Nach dem Abendessen haben die Trainer und Sportler gemeinsam den Film „Gold – Du kannst mehr als Du denkst“ angesehen. Der Film, ein deutscher Dokumentarfilm aus dem Jahr 2013,  erzählt die bewegenden Lebensgeschichten dreier außergewöhnlicher Menschen und Spitzensportler: Henry Wanyoike, blinder Marathonläufer aus Kenia, Kurt Fearnley, australischer Rennrollstuhlfahrer und von Schwimmerin Kirsten Bruhn. Über ein Jahr hat das Filmteam um Michael Hammon die Drei begleitet, sie beim Training beobachtet, aber auch einen tiefen Einblick in das private Leben der drei Athleten gewonnen, die in ihrer jeweiligen Heimat zu den bekanntesten Sportlern gehören und zugleich, durch ihre Art zu leben, Vorbild einer aufgeklärten Gesellschaft sind. Denn auch im ganz normalen Alltag leisten sie Großes, setzen sich immer wieder für ihre Mitmenschen ein, zeigen, dass in jedem von uns etwas Außergewöhnliches und Wertvolles steckt. Neben Aufnahmen vom Training sind auch tiefe Einblicke in das private Leben zu sehen. Die drei Athleten selbst wie auch Freunde und Verwandte kommen dabei zu Wort. Der Film erreicht in London bei den Sommer-Paralympics 2012 in London seinen Höhepunkt und zeigt deutlich, wie wichtig Integration und Inklusion in unserer Gesellschaft sind. Wie beeindruckend der Film auf die Trainer und Sportler wirkte, spiegelt eine Aussage zum Ende des Films wieder: „Wie unbedeutend sind dagegen unsere täglichen Probleme…“.  

Am zweiten Veranstaltungstag befasste sich der ehemalige HSV Vizepräsident Verbandsentwicklung Axel Dietrich mit der „Individualisierung im Leistungssport und speziell im Training“. Seine animierende Arbeit, die intensiv die Fortbildungsteilnehmer mit einbezog, ging nahtlos über in das Thema „Individualisierung – eine Chance für inklusiven (Leistungs-)Sport?“. Anschließend wurde in einem Vortrag durch Kirsten Bruhn in einem ersten Schritt die tiefliegende Muskulatur aufgespürt. Fast alle Trainerinnen und Trainer stürzten sich in der Folge ins Wasser, um die durch Kirsten Bruhn vorgegebene Aufgabenstellungen (manchmal verzweifelt) umzusetzen. Das Erkennen der eigenen Grenzen war eindrucksvoll!  

Am Sonntag waren zum Abschluss der Wochenendmaßnahme Sportlerinnen und Sportler aus der Trainingsgruppe des HSV Stützpunkt Frankfurt mit ihrem Trainer Thomas Rother und vom HBRS zusammengekommen. Wurden zu Beginn der Trainingseinheit vornehmlich additive Aufgaben durchgeführt, so entwickelte sich im Verlauf des Trainings daraus ein inklusives Training, welches mit einer gemeinsamen und begeisternden Staffel der 24 Sportlerinnen und Sportler endete. Die anwesenden Übungsleiter und Trainer erhielten dabei von Kirsten Bruhn viele praxisrelevante Tipps zur Trainingsgestaltung. Am Ende ging eine sichtlich beeindruckte Trainerrunde gut gelaunt auseinander. Alle Beteiligten waren sich einig, dass man sich unbedingt wiedersehen muss. Schließlich gibt es zum Thema Integration und Inklusion noch viel zu erzählen und zu fragen!  

Der Hessische Schwimm-Verband bedankt sich ganz besonders bei Kirsten Bruhn für ihre offene und geradlinige Art. Sie hat es geschafft, Barrieren und Hemmschwellen abzubauen. Ein großer Dank auch an die Sportler für ihre tolle Mitarbeit und an die Trainer, die zum großen Teil noch nie mit behinderten Sportlern im Schwimmtraining in Verbindung gekommen sind. Mit jeder solcher Veranstaltungen kumulieren sich die Erfahrungen und Erkenntnisse und nur die Bereitschaft ungewohnte und außergewöhnliche Wege zu gehen und die Fähigkeit Unerfahrenheit und Fehler zu akzeptieren, öffnet die Tür zu wirklicher Inklusion.  

Der Hessische Schwimm-Verband ist der bisher einzige Verband, der solch eine Maßnahme in Kombination zwischen Fortbildung und Trainingswochenende organisiert hat. Die Maßnahme vom Wochenende sollte aber erst der Anfang sein für den Beitrag des HSV zum Thema Inklusion. Eine Fortführung setzt allerdings Gespräche mit kompetenten Personen voraus. Ein Dank in diesem Zusammenhang auch an das Hessische Ministerium des Inneren und für Sport für die hilfreiche Unterstützung.

VON: STEFAN SONNENSCHEIN - EHEM. VIZEPRÄSIDENT HSV


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